Nicht einmal zwei Jahre ist es her, da machte eine
Substanz namens Magnesiumdiborid von sich reden. Völlig
unerwartet hatten japanische Wissenschafter gefunden, dass
dieses seit langem bekannte Material unterhalb der
ungewöhnlich hohen Temperatur von 39 Kelvin (-234 °C) den
elektrischen Strom ohne Widerstand leitet. Zwar reichte diese
Sprungtemperatur bei weitem nicht an diejenigen der
Hochtemperatursupraleiter heran. Von den herkömmlichen
Supraleitern aber, die für gewöhnlich mit flüssigem Helium auf
wenige Grad über dem absoluten Nullpunkt gekühlt werden
müssen, hob sich dieser Wert deutlich ab.
Sensationell an der Entdeckung war vor allem, dass
Magnesiumdiborid chemisch sehr simpel ist. Es ist daher viel
einfacher herzustellen als die Hochtemperatursupraleiter, die
ausserdem nur sehr umständlich verarbeitet werden können.
Einen Teilerfolg auf dem Weg zu praktischen Anwendungen können
nun Wissenschafter von der Pennsylvania State University
verbuchen. Das Team um Xiaoxing Xi ist imstande, mit einem
billigen Verfahren hauchdünne Magnesiumdiborid- Filme hoher
Qualität herzustellen.
Eine Anwendung für Magnesiumdiborid sind etwa
supraleitende Schaltkreise. Solche Bauelemente können zum
Beispiel äusserst schwache Magnetfelder messen und werden
unter anderem in medizinischen Geräten eingesetzt. Aufgebaut
sind sie aus mehreren dünnen Schichten des Supraleiters. Dabei
handelt es sich heutzutage meist um Niob und andere
Materialien mit einer tiefen Sprungtemperatur. Einer
Verwendung von Magnesiumdiborid standen bisher mehrere Hürden
im Weg. So stellte es sich als schwierig heraus, dünne
Schichten des Materials in hinreichender Qualität
herzustellen. Mal wiesen die Filme gute Eigenschaften als
Supraleiter auf, hatten aber eine zu raue Oberfläche. Ein
anderes Mal waren die Filme zwar glatt, dafür aber von so
vielen Unreinheiten durchsetzt, dass sie erst bei tieferen
Temperaturen supraleitend wurden.
Den amerikanischen Forschern ist es nun gelungen,
sowohl glatte als auch reine Filme zu fabrizieren. Sie
verdampfen dazu Magnesium in einer Wasserstoffatmosphäre und
leiten anschliessend Diboran, eine gasförmige Bor-Wasserstoff-
Verbindung, in die Reaktionskammer. So bildet sich
Magnesiumdiborid, das sich in der weiteren Folge auf harten
Oberflächen wie Saphir oder Siliziumkarbid ablagert. Dem
Wasserstoffgas kommt bei dem Verfahren eine besondere Rolle
zu. Es verhindert, dass sich Magnesiumdioxid bildet, das sich
in Form von Unreinheiten in den Film einbauen könnte.
Auch wenn das Verfahren noch verbessert werden
muss, rücken supraleitende Schaltkreise auf der Basis von
Magnesiumdiborid deutlich näher. Solche Schaltkreise müssten
bei etwa 25 Kelvin betrieben werden. Diese Temperatur kann mit
weniger Energieaufwand und kompakteren Kryostaten erreicht
werden als die Temperaturen, bei denen gewöhnliche Supraleiter
ihren elektrischen Widerstand verlieren.
Veronika Winkler
Quelle:
Nature Materials 1, 5-6; 35-38 (2002).